Kategorie: Kommentar

Heile Welt?

Ein Jahr nach der Ermordung George Floyds blicke ich zurück auf das was war und das was ist.

Es grassiert eine Krankheit. Eine Krankheit, die die ganze Welt in Atem hält. Corona ist präsent und hat mehr oder weniger starke Auswirkungen auf jeden von uns.

Doch es grassiert noch eine andere Krankheit und das schon über Jahrhunderte, eine Einstellung, die Menschen das Leben kostet. Es ist der Rassismus. Er ist genauso aktuell wie Corona und hat ebenfalls seine Opfer zu verzeichnen.

Vor einem Jahr (Mai 2020):

Ich sitze  zu Hause, die Empfehlungen des social-distancing im Hinterkopf. Ich habe mir eine Blase erschaffen, die zunächst noch heil ist. Eine kleine heile Welt, hier bei mir zu Hause. Ich öffne Instagram und sehe, wie Sänger von zu Hause musizieren, Stars ihre Haustiere in die Linse halten oder meditieren, um sich selbst zu finden und wie Livestreams tausendfach geklickt werden. Ich sehe TikToks, Corona – Memes, Diskussionen über Schönheitsoperationen, Fan-Accounts, die für ihre liebsten Stars aufwendigste Edits posten, einen Oliver Pocher, der sich über „Influencer“ aufregt und mittendrin in dem Meer aus Videos, Fotos und Livestreams – ein Video.

Ein Video datiert auf den 25. Mai 2020. Ein Video, das einen US-Amerikanischen Polizisten in Minneapolis (USA) zeigt, der einen schwarzen, unbewaffneten Mann mit seinem Knie auf den Boden drückt. Das Knie des Polizisten ruht im Nacken des Mannes, der unter ihm keucht und nach Luft ringt. „Please, please I can’t breathe. My stomach hurts. My neck hurts. Everything hurts. They’re going to kill me“[Bitte, Bitte, ich kann nicht atmen. Mein Bauch tut weh. Mein Nacken tut weh. Alles tut weh. Sie werden mich töten]. Passanten versuchen mit den Polizisten zu diskutieren. Sie machen darauf aufmerksam, dass die Nase des Mannes blutet.

Der Polizist bewegt sich aber nicht von der Stelle, er scheint  sich seinem Vorgehen sehr bewusst zu sein. „He can’t move. He stops breathing“ [Er kann sich nicht bewegen. Er hört auf zu Atmen]. Drei weitere Polizisten sehen zu und unternehmen nichts. Der schwarze Mann wimmert und wiederholt immer wieder: “I can’t breath, I can’t breath“ [Ich kann nicht atmen. Ich kann nicht atmen]. Einer der Passanten ruft „He is enyoing this“ und wirft damit dem Officer vor, er genieße es George Floyd die Luft abzuschneiden. Und immer noch stehen die Kollegen des Polizisten daneben und tun nichts. Irgendwann verliert der Mann das Bewusstsein.

Der Name des Mannes ist George Floyd, war George Floyd. Nachdem der Officer ihm ungefähr 8 Minuten die Luft abgedrückt hat, verliert er das Bewusstsein und erlangt es später auch nicht wieder. George Floyd ist tot.

Portrait George Floyds im Berliner Mauerpark (Creative Common)

Ich tauche tiefer ein und gehe auf den Hashtag #justiceforgeorgefloyd; es taucht ein weiteres Video auf. Zu sehen sind wütende Menschen, die vor dem Haus des Polizisten stehen. „Justice for George Floyd“ [Gerechtigkeit für George Floyd], wird gerufen. Die Frau hinter der Kamera läuft an einer Reihe von 75 Polizisten vorbei, die zum Schutz dieses einen Polizisten eine Mauer vor seinem Haus gebildet haben. Dabei sagt sie an den Zuschauer gerichtet: “Look how f****** many people are protecting this killers house“. Die Menschen sind wütend. Sie sind nicht mehr länger still. Sie machen ihrem Ärger Luft.

Ein weiteres Video taucht auf. Eine schwarze Frau, die mit wutverzehrtem Gesicht erklärt, dass sie es satt hat, friedlich zu sein. Sie hat zwei Brüder durch Polizeigewalt verloren. Ich klicke auf den nächsten Beitrag und sehe einen schwarzen Jungen, der über seine Verzweiflung singt. „I just want to live“, singt er. Ein anderer  rappt über das Leben als schwarzer Mann in den USA. Und es geht endlos so weiter. Mitleidsbekundungen, wütende Ansprachen, Beiträge mit der Bildunterschrift „Black Lives Matter“, pragmatische Hinweise zum Unterzeichnen von Petitionen und immer so weiter.

Das Internet ist in Aufruhr. Je weiter ich scrolle, desto mehr verabschiedet sich die heile Welt der Blase, die ich mir aufgebaut habe. Die Realität hat das Ruder wieder in die Hand genommen.

 

Racism is not getting worse, it’s getting filmed –Will Smith

[Rassismus wird nicht schlimmer, es wird gefilmt]

 

Heute (Mai 2021):

Heute jährt sich der Todestag von George Floyd. Seit diesem Tag ist viel passiert. George Floyds Tod war der Auslöser weltweiter Massenproteste gegen Rassismus und Polizeigewalt. Dabei kam es sogar teilweise zu Ausschreitungen. Es war als würden die Menschen endlich wachgerüttelt und für ein Thema sensibilisiert werden, dass schon seit Jahrhunderten ein riesiges Problem in unserer Gesellschaft darstellt.

Viele Menschen, die mit der Thematik Rassismus und Polizeigewalt wenig zu tun hatten, weil sie selbst davon nicht betroffen sind, waren gezwungen zuzuhören.

BLM-Protest in Paris, Juni 2020
(Thomas de Luze via Unsplash)

Das „Black Lives Matter“- Movement, welches ursprünglich im Jahr 2013 begann, bekam im Zuge dieses Vorfalls eine vorher noch nie so groß gewesene Aufmerksamkeit. Der Zuwachs war enorm. Es tauchten immer mehr Videos von ähnlichen Gewalttaten auf und immer mehr Menschen teilten ihre Erfahrungen, weil ihnen endlich zugehört wurde. Man sollte die Namen der Opfer  nennen und nie vergessen. Das war eine der vielen Botschaften die, diese Menschen verbreiteten. 

Aber was hat sich im Fall George Floyd getan und wie sieht es heute mit dem „Black Lives Matter“-Movement aus?

Im Fall George Floyd kam es nach hohem gesellschaftlichen und medialen Druck im April 2021 zu einem Schuldspruch des Ex-Polizisten Derek Chauvin (dem Mörder von George Floyd). Allgemein ist ein solches Urteil bei Fällen von Polizeigewalt aber leider eher selten. Das Strafmaß ist bis heute noch nicht bekannt und wird voraussichtlich am 16. Juni verkündet. Den drei ebenfalls anwesenden Polizisten soll 2022 wegen Beihilfe der Prozess gemacht werden.

Des Weiteren wurden die Angehörigen von George Floyd von dem neuen US- Präsident Joe Biden ins Oval Office eingeladen. Mit dieser Geste grenzt sich dieser klar von seinem Vorgänger Donald Trump ab. Außerdem  wird zurzeit über ein nach George Floyd benanntes Polizeireform-Gesetzt in den USA verhandelt. Dieses Gesetz würde unter anderem eingeschränkte Immunität von Polizisten und eine nationale Datenbank für polizeiliches Fehlverhalten beinhalten. Für die endgültige Verabschiedung dieses Gesetzes werden aber sowohl Stimmen der Demokraten als auch der Republikaner benötigt.

Das „Black Lives Matter“- Movement hat zwar durch den Vorfall unglaublich viel Aufmerksamkeit,  Anerkennung und Zuspruch erhalten. Trotzdem ist diese Aufmerksamkeit und „Wokeness“ mit der Zeit wieder weniger geworden. Dafür gibt es verschiedene Gründe.

Die meisten Menschen sind schon längst wieder in ihrem gewohnten Lebensablauf zurückgekehrt. Der  damals herrschenden „Ausnahmezustand“ ist vorbei. Der „erste Schock“ wurde sozusagen „überwunden“. Es gibt keine Massenproteste mehr und andere politische Themen sind in der Vordergrund gerückt.

Außerdem bekam die Bewegung vor einem Jahr vor allem auch einen großen Zuwachs an jungen weißen Menschen. Diese werden aber mittlerweile nicht mehr täglich mit der Thematik Rassismus konfrontiert, da sie ihn nicht Tag für Tag erleben müssen. Und da die große Medienwelle zu diesem Thema vorbei oder zumindest kleiner geworden ist, hat sich bei vielen Menschen der Fokus verschoben. Zu dem kommt, dass die Bewegung durch konservative, rassistische Propaganda teilweise in ein schlechtes Licht gerückt wurde.

Klar ist auf jeden Fall, dass der Tod von George Floyd ein Moment war, der viele Steine ins Rollen gebracht hat. Und das weltweit. Klar ist aber auch, dass das Problem Rassismus heute immer noch so aktuell wie vor einem Jahr ist.

#NotAllMen und der Zorn der belästigten Frauen

Trigger-Warnung: sexualisierte Gewalt, Gewalt gegen Frauen, Mord

Ich bin wütend. Neulich bin ich abends nach Hause gefahren. Ich sitze also in der Tram und scrolle durch Instagram. Mir gegenüber sitz ein Typ, Anfang oder Mitte dreißig, die Beine breit, die Maske lässig unter der Nase hängend. Ich schenke ihm keine große Beachtung, habe ihn nur kurz wahrgenommen, als er einstieg und sich mir gegenüber niederließ.

Irgendwann stups er mich mit seinem Fuß an. Ich blicke auf. Er nickt mir zu und sagt „Na Süße? Kriegt man deine Nummer?“. Ich verneine und gucke dabei wahrscheinlich etwas irritiert, immerhin ist er wahrscheinlich 20 Jahre älter als ich. Er entgegnend jedenfalls, ich solle nicht gleich so sauer gucken, er hätte ja nur nett sein wollen. Er lehnt sich nach vorne und stützt sich auf seinen Knien ab. Mir ist das zu nahe, ich stehe auf und gehe zur übernächsten Tür. Er ruft mir noch etwas hinterher, ich ignoriere ihn und steige aus. Es ist nicht meine Haltestelle, aber ich sitze lieber ein paar Minuten in der Kälte, als weiter mit ihm in einer Bahn zu sein. Nachdem sicher ist, dass er mir nicht aus der Bahn gefolgt ist, entspanne ich mich ein wenig.

Der Rest der Fahrt ist ereignislos. Über Kopfhörer höre ich Musik. Es ist mittlerweile kurz vor 10 Uhr. Die Tram hält, ich steige aus. Die Ampel ist rot, ich bleibe also stehen. Von der Seite nähert sich mir ein Mann. Ich merke ihn erst nicht, er tippt mich an. „Hauptbahnhof?“, fragt er mich. Er spricht undeutlich, scheint betrunken zu sein. Ich reagiere nicht sofort und er fragt nochmal. Ich deute in die Richtung, wo die Bahn in Richtung Hauptbahnhof fährt. „Da lang.“, sage ich ihm. Er lächelt mich an, lehnt sich nach vorne – und stolpert gegen mich. Nicht sonderlich heftig, aber so, dass sich sein Körper für einige Sekunden in kompletter Länge gegen meinen presst. Ich schiebe ihn mit meinem Arm von mir weg. Mir ist ein bisschen schlecht.

Nachdem ich die Straße überquert habe, rufe ich eine Freundin an. Ich sage ihr, wo ich bin und das da ein Mann ist, der mir Angst macht. Mit schnellen Schritten laufe ich nach Hause und wende mich noch ein paar Mal um, um zu sehen, dass er mir nicht folgt. Tut er nicht, trotzdem habe ich in meiner Jackentasche meine Hand so um mein Schlüsselbund geballt, das zwischen jedem meiner Knöchel ein spitzer Schlüssel hervorragt. Das Handy in der linken, die improvisierte Waffe in der rechten Hand, komme ich zu Hause an. „Puh“, denke ich. „Vielleicht doch etwas überreagiert.“, sage ich meiner Freundin.

Nach ein bisschen Nachdenken finde ich nicht, ich hätte überreagiert. Innerhalb von 20 Minuten haben zwei verschiedene Männer mich, eine 17-Jährige, auf eine Weise angesprochen, die mir das Gefühl gab, ihnen ausgeliefert zu sein. Beide Male war ich in einer gut ausgeleuchteten Umgebung, beide Male befand ich mich in Hörweite anderer Menschen. Beide Male muss offensichtlich gewesen sein, dass ich Angst hatte, beide Male hat sich niemand eingemischt.

Diese Begegnungen sind nichts neues. Als Frau wird einem regelmäßig hinterher gepfiffen oder gerufen, man wird angestarrt, angemacht und beschimpft, grade wenn man seinen Unwillen äußert. Wissen wir alle, passiert ständig. Ist auch für mich nicht das erste Mal. In der U-Bahn hat mir mal einer richtig heftig an den Hintern gefasst. In einem vollen Wagon, umgeben von Beobachtenden. Da war ich grade 15 geworden. Ich glaube, ich hab in meinem Leben noch nie so geheult. Dreckig und ohnmächtig habe ich mich gefühlt.

Jede meiner Freundinnen kann Ähnliches, oft viel Schlimmeres berichten. Oft telefonieren wir, wenn wir vorher zusammen unterwegs waren, damit niemand verloren geht. Zwei von ihnen tragen immer Pfefferspray oder andere Waffen zur Selbstverteidigung an sich. Wenn ich unterwegs bin, grade wenn ich vor habe zu trinken, trage ich immer meine Doc Martens-Stiefel, um im Notfall rennen oder treten zu können. In der Bahn achte ich darauf, nicht zu viel Haut zu zeigen. Ich sitze aufrecht und achte darauf, meine Schultern breit zu halten, damit ich nicht als leichtes Opfer ins Visier übergriffiger Männer gerate.

All das gehört zu meinem Alltag. In meinem Hinterkopf schwebt immer der Gedanke an die Gefahr, die von den Männern in meiner Nähe ausgeht. Und ich bin weiß, körperlich nicht grade klein und trage kein Kopftuch. Ich will mir nicht vorstellen, wie angsteinflößend der Nachhauseweg für andere Frauen sein mag.

Das ist doch scheiße, oder? Das ich mich nicht sicher fühle, wenn ich allein bin. Und eben auch, dass ich mein Verhalten anpasse. Es gibt Klamotten, die ich nicht trage und Ort die ich nicht betrete, wenn es dunkel ist und ich allein unterwegs bin. Ich passe mich an, schränke mich ein, obwohl ich doch ganz eindeutig nicht das Problem bin. Vielen Frauen geht es genauso.

Das zeigt auch die Debatte um die Sicherheit von Frauen im öffentlichen Raum, welche nach dem Verschwinden der 33-Jährigen Sarah Everard auf ihrem Nachhauseweg durch London entbrannte. Everard verschwand am Abend des 3. März. Sie trug helle Klamotten, Laufschuhe, war nicht betrunken, ging schon gegen halb zehn, wählte einen gut ausgeleuchteten Weg und kontaktierte ihren Freund, damit er wusste, wo sie war. Sarah tat alles, was jungen Frauen und Mädchen ein Leben lang eingetrichtert wurde, um sicher zu bleiben. Und trotzdem passierte ihr das Unaussprechliche. Mittlerweile sitzt ein Polizist wegen der Entführung und Ermordung Everards in Untersuchungshaft.

In Folge des Verbrechens an Sarah Everard entbrannte in Großbritannien und weltweit eine Debatte, in der Menschen, insbesondere Frauen, unter Hashtag wie #reclaimthestreets ihre Erfahrungen teilen und für Gesetze und Maßnahmen plädieren, die die Gefahr für Frauen im Alltag minimieren. Scheint einleuchtend, nicht wahr? Eine Frau, wird auf dem Nachhauseweg ermordet und Tausende Frauen sagen: „Es reicht! So geht das nicht weiter!“. Doch innerhalb von Stunden werden überall im Internet und in der Öffentlichkeit generell Rufe wie „Not all men“ (‚Nicht alle Männer‘) laut. Diese Menschen reden davon, dass nicht alle Männer Vergewaltiger, Mörder, Frauenhasser sind und versuchen damit den Aufschrei zu diskreditieren. Nicht wenige Männer machen den (leider ernstgemeinten) Vorschlag, Frauen sollen einfach nicht mehr so spät das Haus verlassen, wenn sie sich nicht sicher fühlen. Außerdem sein diese Frauen ja auch total hysterisch und würden komplett überreagieren. In einer Welt voller Feminist*innen und #Metoo könne die Lage doch gar nicht mehr so schlimm sein. Es handle sich nur um den nächste Schritt der männerhassenden Verschwörung, die den Männern ihre Positionen wegnehmen wolle, um sie dann an die BH-losen, unrasierten, radikalen  Feministinnen dieser Welt zu geben.

Aber darum geht es nicht. Es ist grundlegend falsch, Frauen einzuschärfen, es wäre ihre Schuld, wenn Männer sie bedrängen, belästigen, begrapschen. Klassisches sogenanntes „victim-blaming“, als die Schuldzusprechung des Opfers. Wenn Männer Frauen vergewaltigen, oder sie sexuell belästigen, dann tun sie das nicht, weil die Frau einen zu kurzen Rock oder ein zu freizügiges Oberteil tragen. Sie tun es, weil sie sich mächtig fühlen. Weil sie wissen, dass die Schuld immer noch in zu vielen Fällen beim Opfer gesucht wird, weil sie wissen, dass es selten zur Verurteilung kommt und dass Vergewaltigungen selten zur Anzeige und Strafverfolgung gebracht werden.

In der Debatte geht es nicht darum, Männer generell zu verurteilen oder ihre Rechte einzuschränken. Es geht um ein Klima, das es Frauen nicht erlaubt, sich frei und selbstbestimmt zu bewegen. Eine Gesellschaft, die Männern immer noch „sexuelle Fehltritte“ erlaubt und zu vielen von ihnen das Gefühl gibt, sich nehmen zu können was sie wollen. Es geht um die Aufarbeitung einer Vergewaltigungskultur, in der jede Frau einen Berg voll Erfahrungen mit übergriffigen Männern hat. Es geht darum, endlich ein zielführendes Gespräch darüber zu führen, dass 2018 an jedem dritten Tag eine Frau von ihrem jetzigen oder früheren Partner umgebracht wurde. Das ist keine „Hexenjagd“ gegen alle Männer. Nein, der Feminismus ist nicht „endgültig zu weit gegangen“. Wir verlangen nichts Abwegiges. Wir wollen uns sicher fühlen. Wir wollen keine Angst mehr, vor jedem Mann haben müssen, der uns nachts auf der Straße begegnet. Wir wollen ein Minimum an menschlicher Würde, und trotzdem ist es für viele Menschen (grade Männer) immer noch nicht selbstverständlich, Frauen zuzuhören, wenn sie über ihre Erfahrungen sprechen und die das Gefühl haben, sich und ihr Geschlecht, mit Aussagen über die Klamotten des Opfers oder den „stärkeren Sexualtrieb der Männer“ verteidigen zu müssen. Nicht alle Männer, aber solche Männer sind das Problem.

Der Tod der Mittelschicht

Die Mittelschicht, das ist der Kern unserer Gesellschaft. Seit Jahrhunderten bildet sie die Mehrheit der Bevölkerung. Sie hält den Staat am Laufen und ist ausschlaggebend in der Arbeitswelt. In der Ökonomie und Politik wird die Mittelschicht als tragende und stabilisierende Kraft in der Gesellschaft angesehen. Um diese Funktion ausreichend erfüllen zu können, muss der Mittelstand einen möglichst großen Anteil der Bevölkerung ausmachen.

Geld regiert die Welt – schon immer

Im wirtschaftlichen Sinne teilt sich die Gesellschaft entlang dem Mittelwert der Gehälter in die einkommensstärkere und die einkommensschwächere Hälfte. Der Mittelstand wird definiert als alle Erwachsenen die als Alleinstehende vor Steuern und Sozialabgaben zwischen 60 und 200 % des Mittelwerts verdienen. Das sind aktuell monatlich zwischen 1500 und 2800 € netto im Monat.

Bis zum Ende des deutschen Kaiserreichs waren die Menschen klar in die Klassen des Adels bis zu den Besitzlosen geteilt. Diese wurden danach mit der voranschreitenden Demokratisierung in der Weimarer Republik durch gesellschaftliche Schichten abgelöst. Stark vereinfacht waren das die Ober-, Mittel- und Unterschicht.

Der Mittelstand schrumpft

Seit den 1990er Jahren schrumpft die Mittelschicht kontinuierlich. 2013 hatte die Mittelschicht einen Anteil von 54 % an der Bevölkerung in Deutschland. Das sind im Vergleich zu 1991 ganze 6 Prozentpunkte weniger. Es zeigt sich: die Mitte schrumpft. Als zentralen Auslöser dieser Entwicklung sehen Expert*innen das Anwachsen des Niedriglohnsektors in Deutschland, welcher durch eine Zunahme geringbezahlter Jobs in der Dienstleistung und dem Wegfall industrieller Arbeitsplätze begünstigt wird. Auch werden immer mehr Vollzeitstellen in Stellen für Leih- und Zeitarbeit, ebenso wie geringfügige und befristete Beschäftigungen umgewandelt, da diese für die Arbeitgebenden billiger sind.

Dieser Prozesse wird ausgelöst durch das Voranschreiten der Globalisierung und hat schlussendlich eine Verstärkung der Einkommensschere, also der Trennung von Arm und Reich und wachsende soziale Ungleichheit zur Folge. Besonders betroffen in Deutschland sind Menschen mit Migrationshintergrund. Der Mittelstand schrumpft, ebenso ihr Anteil am Volksvermögen. Sie wird zu dem – wie die gesamte deutsche Gesellschaft – älter.

Die Reichen werden reicher, die Armen ärmer

Gleichzeitig explodieren die Mieten, grade in den momentan so lebenswerten Großstädten. Die Lebenskosten steigen rasant. Darüber hinaus zahlen Deutsche im Vergleich zu europäischen Mitbürger*innen sehr hohe Steuern und Sozialabgaben. Die Kaufkraft und die Fähigkeit des Mittelstands, Vermögen anzusammeln sinkt.

Nichtsdestotrotz verdienen die Vorstände der Top 30 Unternehmen in Deutschland heute zehnmal so viel wie noch vor 30 Jahren. An den Angestellten ist dieser wundersame Geldzuwachs aber spurlos vorbei gegangen, das Realeinkommen ist nur moderat gestiegen. Die Durchschnittslöhne halten nicht Schritt mit der generellen Vermögensentwicklung. Trotz jahrelangem Konjunkturhoch und Rekordbeschäftigung fürchten immer mehr Bürger*innen um ihre finanzielle Zukunft. Inzwischen besitzen 45 Super-Reiche in Deutschland so viel wie die gesamte ärmere Hälfte der Bevölkerung. 45 Menschen besitzen also genau so viel wie 40 Millionen weniger Wohlhabende.

Der französische Wirtschaftsforscher Thomas Piketty untersuchte 2014 die Einkommensentwicklungen der letzten 300 Jahre. Er fand zu allen Krisenzeiten eine Verarmung des Mittelstands, während die Oberschicht in jeder Krise durch höhere Gewinne ihrer Geldanlage reicher wurde. Diese Entdeckung ist auch in der Coronapandemie zu beobachten.

Profitiert von Covid-19: Amazon

Sinnbild dafür ist sicherlich der Amazon-Gründer Jeff Bezos. Seit Anfang des Jahres stieg sein Vermögen um mehr als 24 Milliarden US-Dollar auf umgerechnet über 126 Milliarden Euro. Währenddessen verlieren weltweit und grade in den USA Millionen von Menschen pandemiebedingt ihre Beschäftigung. Bezos‘ Angestellte arbeiten zum Mindestlohn, während Amazon mehr Umsatz als jedes andere Unternehmen generiert.

Sinkendes Rentenniveau

Die wohl wahrscheinlichste Folge der beschriebenen Entwicklung ist die Altersarmut. Schon im Jahr 2017 betrug die ausgezahlte Regelaltersrente im Durchschnitt nur 902 € monatlich. Zahlen die Rentner*innen davon ihre Miete, kommt es schnell zum Engpass. Die heute noch Berufstätigen müssen mit durchschnittlich noch weniger rechnen. Das liegt daran, dass in Deutschland junge Verdienende fehlen, die mit ihren Einzahlungen die Versorgung ihrer Großelterngeneration finanzieren. Die Bundesrepublik überaltert, was die Problematik noch verstärkt.

Dass in Europa Menschen mit ihrer Rente nicht über die Runden kommen und Studierende hohe Schulden aufnehmen, um dann nach dem Abschluss als Kassierer zu arbeiten während einige Wenige die Früchte des Ungleichgewichts ernten, das hat Folgen.

Einige Betroffene beginnen, an der Demokratie und am Sozialstaat zu zweifeln. Das Gefühl der ungerechten Behandlung führt immer mehr zu einer steigenden Unzufriedenheit mit dem Establishment. Menschen fühlen sich abgehängt und zurückgelassen. Grade in den letzten Jahren werden diese Menschen immer öfter von Rechtspopulisten abgeholt. Sie wettern gegen die „Eliten“ welche die einfachen Bürger*innen vernachlässige und schaffen es so, Zuspruch im Mittelstand zu finden, der jahrzehntelang das Kernklientel der Volksparteien bildete.

Die Zukunft?

Der digitale Todesstoß

Eine neu hinzukommende Herausforderung ist die Digitalisierung. Noch herrscht große Unsicherheit, wie sich digitale Technologie und künstliche Intelligenz auf Routinetätigkeiten auswirkt – sowohl ein Zuwachs als auch der Wegfall Hunderttausender Arbeitsstellen ist denkbar. Das vorherrschende Problem ist, dass die, die ihren Job im analogen Sektor einbüßen nicht auch gleichzeitig die sind, die die Jobs der digitalen Welt übernehmen können. Absteigen werden voraussichtlich ungelernte Arbeitskräfte, während Hochgebildete den Aufstieg meistern. Es braucht ein Umdenken, echte Veränderung, und zwar bald. Weiter die Augen zu verschließen wird Konsequenzen haben.

 

Chance auf Genesung

Doch wie geht es weiter? Wie schaffen wir es, unsere Kerngesellschaft vor dem wirtschaftlichen Aus zu bewahren? Ein Modell sieht vor, die Sozialabgaben nicht länger vom Gehalt der Arbeitnehmenden abzuziehen. Stattdessen würde von Unternehmen eine pauschale Sozialversicherungsabgabe verlangt werden, welche am Umsatz des jeweiligen Konzerns orientiert wäre. Folglich würde die Mittelschicht weniger zahlen und digitale Riesen, die kaum noch Menschen beschäftigen, aber Milliarden Umsätze generieren (Google, Facebook etc.), zahlen mehr und leisten einen Beitrag zur sozialen Absicherung. Als Nebeneffekt würde Arbeit billiger, ohne die Arbeitnehmenden zu belasten, was eventuell den Reiz von Neueinstellungen steigern würde.

Gleichzeitig sollte man schon jetzt in die Um- und Weiterbildung der Arbeitnehmenden investieren. Wenn Menschen erst einmal flächendeckenden von Maschinen und Algorithmen ersetzt wurden, ist es zu spät, sich zu wehren.

Die deutsche Mittelschicht stirbt. Die Symptome sind da, der Verlust ist für die Gesellschaft nicht tragbar. Aber: es gibt Hoffnung. Wir haben die Mittel, dem Kern unserer Gesellschaft zur Genesung zu verhelfen. Nutzen wir sie!

Fotos: Sharon McCutcheon, Christian Wiediger, Owen Beard – Unsplash

„Eigentlich geht’s uns doch ganz gut.“ – Was mich eine globale Pandemie über Privilegien lehrte

Ein Kommentar von Paula Moritz, 11b

Seit ein paar Monaten steht die Welt Kopf. Kaum etwas ist mehr so, wie es mal war. Plötzlich kämpfen ganze Gruppen von Menschen ums Überleben und Berufsgruppen um die Existenz. „Normal“ ist seit März überhaupt nichts mehr. Auch für mich hat sich viel geändert. Schule besuchen und danach mit Freunden abhängen ist plötzlich ein Ding der Unmöglichkeit. Die letzten Wochen waren hart. Für uns alle. Aber während ich dabei bin, in Selbstmitleid zu ertrinken, machen mir die Nachrichten immer mehr klar, was für ein unfassbares Glück ich habe, wie verdammt privilegiert ich bin und auch, wie wenig es mir zusteht, mich selbst zu bemitleiden. Zum ersten Mal in meinem Leben habe ich mir bewusst Zeit genommen, mir über die glücklichen Umstände meines Lebens Gedanken zu machen und mir explizit bewusst zu machen, wie wenige Menschen in der gleichen Position sind. Grade jetzt.

In allererster Linie profitiere ich, wie in so vielen Dingen, davon, in Europa, insbesondere Deutschland geboren zu sein. Eine reiche Industrienation und dazu noch eine gefestigte Demokratie. Ich muss mir also kaum sorgen um Massenarbeitslosigkeit und -armut machen. Ich kann mit Sicherheit sagen: „Ich werde niemals Hunger leiden müssen, ich werde auch in einem halben Jahr noch ein Dach über dem Kopf haben.“. Außerdem verschlimmert der Ausbruch des Coronavirus in Deutschland kaum Unruhen oder militärische Auseinandersetzungen. Ich brauche mir keine Sorgen machen, meine demokratische Regierung könnte stark geschwächt und aus dem Amt geputscht werden. Ich muss nicht in einem überfüllten Flüchtlingslager ausharren und beten, dass es sich nicht zum Infektionsherd entwickelt, weil in meiner Heimat Bürgerkrieg für Angst und Schrecken sorgt. Dafür bin ich so unfassbar dankbar, dass ich manchmal nicht weiß, wie ich damit umgehen soll.

Doch auch im Vergleich mit anderen G7-Staaten (Gruppe der 7 wichtigsten Industrienationen weltweit:  Deutschland, Frankreich, Italien, Japan, Kanada, Großbritannien, USA) schneidet Deutschland hervorragend ab. Die Bundesregierung reagierte relativ früh und befolgt die Empfehlungen der unabhängigen Weltgesundheitsorganisation in Gänze. Die Grenzen sind zu, das Gleiche gilt für die Schulen. Das oberste Gebot heißt Selbstisolation. Die heftige Reaktion, welche nun immer mehr in Kritik gerät, sorgt für einen langsameren Anstieg der Infektionszahlen und verhindert restlos überlastete Krankenhäuser, wie wir sie schon im März in Italien beobachten konnten. Hier muss kein Krankenhauspersonal entscheiden, wer behandelt und wer dem Tod überlassen wird. Und das ist ein Privileg. Unsere Regierung ist in der wunderbaren Situation jahrelang mehr eingenommen als ausgegeben zu haben, weshalb jetzt Milliarden von Euro in Hilfspakete investiert werden können. Auch wenn die Rezession wohl viele trotzdem treffen wird, kann ich mir sicher sein, dass es danach wieder bergauf gehen wird. Schon jetzt erholt sich der stark gefallene DAX (Deutscher Aktien Index) wieder stetig.

Darüber hinaus kann ich mich, sollte ich an SARS-CoV-2 erkranken, auf ein stabiles, modernes und vor allem öffentliches Gesundheitssystem stützen. Das erhöht meine Chancen auf Genesung ungemein. Wir müssen uns nicht darum sorgen, uns einen Aufenthalt im Krankenhaus, sollte dieser nötig sein, nicht leisten zu können, weil jeder einzelne Bürger krankenversichert ist. Das ist nicht überall gegeben, siehe Vereinigte Staaten. Auch ist unser System nicht durch jahrzehntelange Unterinvestition zerrüttet, wie es beispielsweise beim National Health Service (kurz: NHS) des Vereinigten Königreichs und Nordirlands der Fall ist.

Doch auch privat habe ich Glück. Mehr als Milliarden anderer. Meine Familienverhältnisse sind stabil. Ich bin nicht eines zehntausender Kinder in Deutschland, die von häuslicher Gewalt bedroht sind. Und weder ich noch meine Familie gehören zur Risikogruppe für einen schweren Verlauf einer potenziellen Covid-Erkrankung. Ich mache mir keine Sorgen um die Leben meiner Liebsten. Stattdessen traure ich dem Treffen mit Freunden und dem gemeinsamen Feiern von Geburtstagen hinterher.

Hinzu kommt, dass auch meine Bildung weniger leidet als bei anderen, weniger gut gestellten Schülern. Unser Unterricht wird seit zwei Monaten ausschließlich digital erteilt. Ich profitiere in extremen Maß davon, einen eigenen Laptop und einen stabilen Internetzugang mein Eigen nennen zu können. Auch ist es mir möglich, gut allein arbeiten zu können. Meine Arbeitsergebnisse werden nicht von aufmerksamkeitsbedürftigen Geschwistern oder sich verschlechternder mentaler Gesundheit in Mitleidenschaft gezogen.

Das alles führt dazu, dass ich diese schwierigen Zeiten angenehmer durchstehen kann als andere. Und dafür bin ich dankbar. Ich versuche, dieser Privilegien gerecht zu werden und mit stets bewusst zu sein, dass ich mehr habe, als ich brauche. Die letzten Wochen haben einiges in meinem Selbstbildnis verändert. Vor allem eben mein Bewusstsein über Zustände, auf die ich keinen Einfluss habe, die mir aber ein gutes Leben ermöglichen. Manchmal fühle ich mich deswegen schuldig. Ich habe so viel, ohne etwas dafür getan zu haben. Und trotzdem bemitleide ich mich und tue mir leid, weil ich auf den ein oder anderen Luxus verzichten musst. Deshalb tut es mir gut, mir meine Vorteile im Leben so geordnet vor Augen zu führen.